Aus ihrem neueren fotografischen Werk muss man wohl schlieşen, Sue de
Beer sei eine rege Konsumentin von Kulturgut der schwärzeren Art. Ihre
neuen Fotoarbeiten beziehen sich auf Vorlagen und Einflüsse wie etwa
Nightmare on Elm Street, das Columbine-Highschool-Massaker
*
und Erzählungen von Dennis Cooper. Auf den ersten Blick hat man das
Gefühl, de Beer habe eine Vorliebe für Soaps und sei nicht an harter
Gesellschaftsdokumentation und -kritik interessiert. Man erkennt sofort,
dass de Beer mit einer Proust'schen Hang zum Detail arbeitet, jener
Detailgenauigkeit, die Professoren und Cineasten beschäftigt, und die -
zumal de Beer keine High-Low-Unterscheidungen trifft- einem auch in der
Arbeit von obsessiven Schlafzimmer-Bastlern, Homepage-Gestaltern und
hingebungsvollen Fans begegnet. Auşerdem wird man bemerken, dass sich
viele dieser sorgfältig durchdachten Fotoarbeiten um gewaltsame
historische Ereignisse und um Gewalt darstellende Kunstwerke
drehen.
Das grafisch gewalttätige der Fotos steht - verständlicherweise - für
einige der Betrachter im Vordergrund und ermöglicht es ihnen, Fragen
darüber anzustellen, was sich Künstler so erlauben dürfen, warum etwas
Kunst ist oder nicht, wo Anstand und Moral geblieben sind - all diese
Tiraden eben. Eine andere Form von Skepsis hebt womöglich eher auf die
Psychologie und den Lebenszusammenhang der Künstlerin selbst ab:
Angesichts der Dias, die ich fürs Schreiben dieses Artikels benutzt
habe, fragte mich jemand "Warum steht sie eigentlich so auf
Verstümmelung?" und "Ist sie tatsächlich verrückt?" Sicher, de Beers
Fotoarbeiten sind ungewöhnlich innerhalb des zeitgenössischen
Kunstmarkts, in dem Bilder und Darstellungen von Gewalt allgemein
unerwünscht sind. Auşerdem spielen vielleicht die Vorurteile eine Rolle,
dass ihre Arbeit bloş billige, Aufsehen erregende Aufnahmen zu Grunde
legen und einen Kult bedienen würde; oder sogar, dass eine solche Arbeit
eher zu akzeptieren wäre, wenn sie von einem Mann käme. Ein paar dieser
Bedenken werden womöglich durch einen Mangel an offenbarer Emotion in
vielen der Fotos noch gefördert.
Diese Kritiker sollten sich zunächst vergegenwärtigen, dass sich de
Beers Arbeit als Teil einer Bildtradition versteht, die sich mit dem
toten beziehungsweise vergewaltigten Körper auseinandersetzt, wie es
sich auch in künstlerischen Praktiken etwa von Edouard Manet, Paul
McCarthy und Sue Coe finden lässt (um nur sie zu nennen). Unabhängig von
diesem künstlerischen Tradition ist die Gewalt aber auch Teil einer
wohlüberlegten und strukturierten Projektion innerhalb unserer
amerikanischen Kultur, in der wir alle dazu aufgerufen sind,
Grausamkeiten zu verurteilen wie etwa die Columbine-Highschool-Morde,
Jon Benet Ramsays
** Tod und dessen Ausschlachtung in den
Medien oder jene Teenager, die Babys in Mülltonnen werfen (um wiederum
nur dies zu nennen). De Beer greift solche Geschehnisse unerschrocken
auf, und sie erforscht sie gründlich. Sie interessiert sich für die
Entstehung und Ausübung von Gewalt und untersucht dabei alle möglichen
Ebenen, angefangen bei den Set-Konstruktionen von Filmen wie Nightmare
on Elm Street über die speziellen Familiengeschichten von Amokschützen
an Schulen bis hin zu unterschiedlichen Landschaften in den einzelnen
Spielebenen von Quake. Sie ist ganz einfach eine passionierte und
unbestechliche Betrachterin dessen, was traditionellerweise aus der
Mainstream-Kultur ausgeschlossen ist.
Ihre Kompositionen neigen zu einer hochgradigen, fast diagrammartigen
Strukturiertheit, aber auch zu sparsamer oder mangelnder
Oberflächenspannung. Diese gewisse ëLangweiligkeit' der jüngsten
Fotoarbeiten ist dabei ebenso präzise austariert wie andere formale
Aspekte ihrer Bildsprache. Unspektakulär an der Oberfläche, erlauben die
Fotos zahlreiche Widersprüche und Zumutungen, die mit der Erfahrung
verknüpft werden, den Horror zu konsumieren, und die darüber in den
Vordergrund treten. Wenn in
Bed, einer Arbeit, die auf einem Slasher-Film
basiert, Blut von der Decke tropft, ist das ein eher stilles Element
innerhalb einer architektonischen Szenerie, in der im Ganzen irgendetwas
faul zu sein scheint: Das Foto markiert eine Reihe von räumlichen
Widersprüchen, während ein Körper zerstückelt wird. Oder jenes Foto -
angeregt durch eine Szene aus Dennis Coopers Frisk -, das zeigt, wie
sich die Künstlerin im vollkommenen Chaos selbst gebiert (
Untitled):
Ein Bild, das die
Frage nach körperlicher Begrenzung, Verschmelzung und Logik aufwirft.
Hier sind Elemente wie Körperlichkeit, Volumen, Umriss und Verlauf der
Arme, die marmorweişe Haut herausgearbeitet, während der Gesamteindruck
einigermaşen flach ist. Dem entsprechend erscheint die Anstrengung, das
eine Erwachsene eine andere gebiert, mehr körperhaft als erschreckend;
der Anblick von
Untitled vermittelt ein Gefühl des Unbehagens.
In stärker auf Darstellern basierenden Arbeiten wie
Sasha, der Aufnahme von einer
Statistin aus einem Horrorfilm, vergisst man angesichts der Langeweile
der Sitzenden und ihrer Sargentesken
*** Schüchternheit
beinahe all die aufgeschlitzten Bäuche, die überall zu sehen sind.
Obwohl fiktional, haben
Sasha und der Film, in dem die Akteurin
mitgespielt haben könnte - die Sets, Codes, die unterschiedliche
Beleuchtung des Films et cetera -ihre eigenen Kräfte, Möglichkeiten und
Abläufe, und daran ist de Beer interessiert.
De Beers ungewöhnlicher aber reichhaltiger Mikrokosmos zur Untersuchung
formaler Aspekte und kultureller Phänomene versetzt sie in die
angreifbare Position, dass ihre Arbeit als moralisch zweifelhaft und als
suspekt begriffen werden kann. Ÿhnlich wie bei Gerhard Richters
Baader-Meinhof-Serie bedeutet aber diese Angreifbarkeit für die Arbeit
zugleich einen ihrer entscheidenden Gehalte. Es geht hier um mehr als um
kultischen Schockeffekt: Erstens bleiben historische Ereignisse im
Allgemeinen sowie der Columbine-Fall und vergleichbare Schulattentate im
Besonderen für die meisten von uns eine auf lange Zeit hin ungelöste
Angelegenheit. De Beers Arbeit fordert deren erneute Infragestellung
heraus, lässt uns diese Ereignisse noch einmal durcharbeiten. Zweitens
kann man wohl nicht umhin, ihre freigeistige Herangehensweise und ihre
Bildsprache zu genieşen. Drittens wirkt ihre Arbeit weder formal noch
intellektuell betrachtet oberflächlich (ihre Selbstporträts sind
geradezu episch): Sie hat vielmehr etwas zwingendes.
* Am 20. April 1999 wurden an der Columbine-Highschool in
Littleton, Colorado, zwölf Studenten und ein Lehrer von den Studenten
Dylan Klebold und Eric Harris getötet. Die beiden beendeten das Blutbad
durch Selbstmord. Es war das schlimmste Highschool-Massaker in der
Geschichte der USA.
**Jon Benet Ramsay wurde 1996 erschlagen im Haus ihrer
Eltern in Boulder, Colorado, aufgefunden. Jon Benet hatte regelmäşig an
Kinder-Schönheitswettbewerben teilgenommen und im Jahr vor ihrem Tod den
Titel der 'Little Miss Colorado' gewonnen. Sie starb im Alter von sechs
Jahren.
***John Singer Sargent (1856-1925), einer der bedeutenden
amerikanischen Maler des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, war
unter anderem für seine Porträts der Schönen und der (Einfluss-)Reichen
bekannt und beliebt. Er porträtierte unter anderem Präsident Woodrow
Wilson, den ÷l-Tycoon John D. Rockefeller, den Schriftsteller Henry
James sowie Kunstmäzenin Isabella Stewart Gardner.