Am Tag X war sie in New York. Lieh sich gerade Horrorvideos
aus zur Vorbereitung eines Vortrags über ihre Arbeit. Filme wie
«Armageddon» mit Bruce Willis, in dem ein Komet New York
zerstört. Ob sie angesichts des realen Grauens noch Lust hat, sich mit
fiktivem Grusel zu befassen? «Jetzt erst recht», findet Sue de
Beer. Ihre Kunst ist erstaunlich aktuell. Vielleicht, weil Brutalität und
Gewalt in der Welt ständig zunehmen. In ihren Video-Installationen und
Fotografien untersucht die junge New Yorkerin die Einstellung speziell ihrer
Landsleute zu Mord und Totschlag.
Auch bei den Massakern an US-Schulen, hat sie beobachtet,
nahmen Filme die Realität vorweg. Ein Albtraum, dem die 28-Jährige
mit surrealen Albtraumsequenzen künstlerisch kritisch entgegentritt. Zur
Zeit verwirklicht die neue Preisträgerin des Philip Morris
Kunststipendiums ein Videofilmprojekt über jugendliche Täter im
Klassenzimmer. Die werden oft wie ihre Opfer heldenhaft verehrt. Aus dem
Internet weiß die Horrorexpertin von Amokschützen, die zu
Robin-Hood-Figuren geworden sind, und zeigt Bilder mit der Aufschrift
«Tears for Eric and Dylan» von einer Webside. Die Mörder
tragen Basecaps und blicken naiv in die Runde. In ihrer Filmarbeit, die die
Stipendiatin an der American Academy erst im kommenden Jahr fertig stellen
wird, sind die Kerle vermutlich nicht wiederzuerkennen. Sicher ist nur: Es wird
Blut fließen.
Da ist die mit Motiven aus Kino, Popmusik, Jugend- und
Hochkultur spielende Künstlerin, deren Werke bereits in renommierte
amerikanische Sammlungen Eingang fanden, nicht zimperlich. Ob sie uns in der
Fotografie «Sasha» eine rauchende Frau mit unappetitlichen
Eingeweiden präsentiert, in ihrem Videofilm «Heidi 2» den
Mythos vom blonden Mädchen verfremdend weiterspinnt oder sich selbst am
Computer so manipuliert, dass ein blutiger Riss durch ihren Körper geht -
immer bieten ihre Arbeiten Stoff zum Nachdenken. Über Manipulation und
Originalität, Fiktion und Wirklichkeit. Aber auch über die morbide
Faszination des Makabren, von der Filmemacher und TV-Produzenten ebenso
profitieren wie Künstler.
Dahinter steckt die Frage, warum Gewalt cool wirken kann -
solange sie nur keinen persönlich trifft? Sue de Beer untersucht die
Absicht der Täter und die Reaktionen der Öffentlichkeit. Man darf
gespannt sein, zu welchen Ergebnissen sie während ihres Aufenthalts in Berlin
kommt.